Viele Menschen erinnern in diesen Tagen um den 08. Mai herum an den „Tag der Befreiung“, an dem vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging.
Und so möchte ich heute, nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Situation, sondern gerade auch vor dem Hintergrund der spürbaren inneren Zerrissenheit unseres Landes, die bis in die Kommunen hineinreicht, und angesichts der spürbar in unserer Bevölkerung zu beobachtenden Tendenz einer mehr und mehr zunehmenden Geschichtsvergessenheit im Rahmen dieser Ratssitzung die Gelegenheit nutzen, die Ereignisse, die sich um den 08. Mai 1945 herum gerade auch hier bei uns vor Ort begeben haben, in ihrer Bedeutung für unsere Gemeinde Blankenrath zu beschreiben und im Rahmen dieser Ansprache zum Gedenken an den „Tag der Befreiung“ das in Erinnerung zu rufen, was unsere Vorfahren, die in Blankenrath lebenden Menschen von damals, die Dorfchronisten und Zeitzeugen, aber auch Heimatforscher in Chroniken oder aber auch in Erlebnisberichten aus dieser Zeit niedergelegt haben.
Hieraus ist schnell zu erkennen, dass der „Tag der Befreiung“ für Blankenrath schon vor dem 08. Mai 1945 stattgefunden hat, nämlich schon am 17. März 1945, als gegen 11.00 Uhr unser Dorf durch amerikanische Truppen, die aus Richtung Mörsdorf, Sosberg und Reidenhausen kamen, besetzt worden ist.
Was wir heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, zu Recht als Gedenken an die Befreiung vom „menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ in Deutschland begehen, das stellte sich den Bewohnern von Blankenrath an jenem Tag des Einmarschs der amerikanischen Truppen in unser Dorf zunächst nicht so dar, dass es sich hier um eine Befreiung handeln würde, sah sich Blankenrath zuvor doch tagelang heftigen Fliegerangriffen ausgesetzt, die die Bevölkerung zwangen, zum Großteil ihre Häuser verlassen zu müssen, um in verschiedenen Luftschutzkellern oder aber auch unterirdischen Luftschutzstollen, die außerhalb des Dorfes angelegt waren und Platz für etwa 400 Personen boten, Zuflucht zu suchen.
So erfolgte am 03. März 1945 ein schwerer Fliegerangriff durch amerikanische Bomber auf unseren Ort. Die hierbei abgeworfenen Bomben fielen meist in dem den Nachbarorten Haserich und Panzweiler zugewandten Ortsteil von Blankenrath.
Durch den damit einhergehenden ungeheuren Luftdruck zerbarsten an fast allen Häusern in der Gemeinde die Fensterscheiben. Die meisten Häuser wurden durch Granateinschläge mehr oder weniger beschädigt, einige jedoch auch total zerstört. Das Dach der Pfarrkirche wurde schwer beschädigt und das Gebäude der damaligen Volksschule, unser heutiges Bürgerhaus, erhielt ebenso einige Artillerietreffer.
Schon etwa eine Woche vor der Besetzung Blankenraths durch die Amerikaner erlebte das Dorf den ziemlich aufgelösten Rückzug der deutschen Truppen, die in schnell wechselnder Folge in und durch das Dorf gezogen kamen. Kleine Teile hiervon leisteten Widerstand gegen die herannahenden amerikanischen Truppen; hierbei fielen auch einige der deutschen Soldaten.
Wegen dieser gesamten Ereignisse im Vorfeld sowie beim Einmarsch der Amerikaner ist nachvollziehbar, dass die Einwohner von Blankenrath große Angst davor hatten, was nun unter der Besatzungsmacht kommen würde und wie es ihnen bei den Besatzungstruppen ergehen würde.
Von einer freudigen Stimmung, ja einer freudigen Erwartung und einem erleichterten Gefühl von Befreiung konnte damals kaum die Rede sein. Zu groß war die Furcht vor Vergeltung, Plünderung, gewalttätigen Übergriffen und vielem anderen mehr. Zu den befürchteten Repressalien an der Bevölkerung kam es aber glücklicherweise nicht – jedenfalls ist hierzu nichts überliefert.
Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurden Ausgangszeitsperren für die Bewohner festgesetzt. Neue Ausweise, Registrierkarten in englischer und deutscher Sprache als Personalausweise, wurden ausgestellt, Versammlungsverbote erlassen, die Fernsprecher gesperrt und vieles andere mehr an Maßnahmen ergriffen.
Sollte das Befreiung sein?
Zunächst war man wegen dieser Maßnahmen doch eher unfrei, aber es stellte sich zunehmend heraus, dass dies alles einem neuen Aufbau und Anfang diente. An Kriegsflüchtlingen, die meist aus dem Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet hier Unterkunft – teils bei Verwandten – gefunden hatten, waren 34 Personen im Dorf, die später wieder in ihre Heimat zurückbefördert wurden.
Der damalige Ortsgruppenleiter und Amtsbürgermeister wurde am 12. April 1945 von dem befehlshabenden amerikanischen Militärkommandanten und dem Landrat in Zell seines Amtes enthoben und eine ehrenamtliche Amtsverwaltung in Blankenrath eingerichtet.
Am 01. August 1945 wurde Blankenrath von einer französischen Flak-Batterie in einer Stärke von 168 Mannschaften, 24 Unteroffizieren und 4 Offizieren besetzt. Seitdem wehte die französische Fahne (Trikolore) aus dem damaligen Amtsgebäude.
„Das Verhältnis zwischen den Besatzungstruppen und den Dorfbewohnern entwickelt sich gut“, schrieb der damalige, noch von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister in seinem Bericht für das Jahr 1945. Zu Zusammenstößen zwischen Besatzungstruppen und Zivilbevölkerung ist es nicht gekommen, auch gab es keinerlei Ausschreitungen von Soldaten.
Bereits zum Jahresende 1945 wurden durch die Besatzungstruppen mehrere Tanzlustbarkeiten abgehalten; dies waren die ersten Anfänge einer Entwicklung hin zu einem sich allmählich mehr und mehr normalisierenden Leben in der dörflichen Gemeinschaft.
Nichtsdestotrotz musste die französische Truppe durch die örtliche Bevölkerung mit Naturalien wie Kartoffeln, Gemüse, Hühnern, Gänsen, Eiern, Milch, Butter, Mehl etc. verpflegt werden. Daneben mussten aber auch noch zahlreiche Ausstattungsgegenstände zur Versorgung der Besatzung im Kreisgebiet (sog. Requisitionen) geleistet werden, die z. B. aus Bettwäsche, Wolldecken, Tischwäsche, Lampen, Gläsern, Essbestecken, Geschirr, Möbelstücken u. v. m. bestanden, die – so wie andernorts – auch die Blankenrather von ihren Habseligkeiten abzugeben hatten.
Auch das Vieh der Bauern wurde zur Versorgung der Kreisbevölkerung und der Besatzungstruppen in wöchentlichen Abständen beschlagnahmt. Nur langsam und unter vielen Mühen konnte ein Wiederaufbau der beschädigten Häuser und Gehöfte erfolgen; von einer Erholung des Wirtschaftslebens – in Handwerk und Landwirtschaft – in Blankenrath war man jedoch noch weit entfernt.
Es kam zunächst einmal – nicht zuletzt wegen der an die Besatzungstruppen zu erbringenden Versorgungsleistungen und Requisitionen und des dadurch noch verstärkten Mangels an lebensnotwendigen Verbrauchs- und Gebrauchsgütern – zu einem weiteren wirtschaftlichen Niedergang, der letztlich zu einem großen Tausch-, Schleich- und Schwarzhandel führte.
Es fand sozusagen aus der Not heraus und zur Erhaltung der Vermögenssubstanz eine Flucht aus den Geldscheinen in Sachwerte statt.
Die Warenknappheit und die Wertlosigkeit des Geldes führten zu großer Not; gerade diejenigen, die nicht landwirtschaftliche Selbstversorger waren – hiervon gab es in Blankenrath etwa 200 Personen –, hatten im Vergleich zu den Selbstversorgern, dies waren 258 Personen, oft nicht genug zu essen. Sie hatten zuweilen auch nichts, was sie hätten gegen Nahrungsmittel eintauschen können.
Fast schon resignierend schrieb der damalige Bürgermeister in die Chronik:
„Die Zukunft liegt ohne Lichtblick vor uns. (…) Augenblicklich handeln die Menschen nicht verstandes-, sondern instinktmäßig. Erfüllt von der Sorge ums tägliche Brot, ohne Ziel und Planung für die Zukunft.“
Jedoch trat mit der Zeit mehr und mehr Besserung im dörflichen Leben, sowohl in seiner gesellschaftlich-sozialen, seiner wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch seiner religiösen Ausprägung ein.
Aufgrund einer Anordnung der Militärregierung für den damaligen Kreis Zell vom 30. Oktober 1945 und Verfügung des Landrats in Zell vom 12. Dezember 1945 wurde ein Gemeindekomitee für Blankenrath, bestehend aus fünf Männern, berufen, die als Vertrauensmänner des Dorfes beratende Funktion bei den für Blankenrath zu treffenden Entscheidungen der Militärregierung und des Landrats in Zell haben sollten.
Darüber hinaus hatte die Besatzungsmacht z. B. der Kirche und der Ausübung der Religion in der folgenden Zeit alle Freiheiten wiedergegeben. So konnte im Sommer 1945 beispielsweise in Blankenrath wieder eine Fronleichnamsprozession durch die Straßen des Dorfes stattfinden. Auch der Religionsunterricht durfte wieder in den Schulen erteilt werden. Während der 12-jährigen Herrschaft der Nationalsozialisten waren Kirchen und Religion hingegen geknechtet, und auch das eigene Volk war zunehmend nahezu aller seiner Freiheiten beraubt worden.
Diese Freiheiten kamen spürbar nach dem 08. Mai 1945 vor allem in den Bereichen jener Besatzungszonen zurück, die durch die westlichen Alliierten kontrolliert wurden. Hierzu gehörte glücklicherweise auch unsere Heimatregion.
Trotz der vielen Entbehrungen und der Not, unter der die Menschen in Blankenrath und die Menschen aus den Dörfern des Kirchspiels in den Nachkriegstagen und spürbar noch in den Jahren danach gelitten haben, konnten diese später dennoch sagen, dass im Frühjahr 1945 für sie die Befreiung erfolgt ist – Befreiung vom Totalitarismus, Befreiung von Willkür, Hass und Gewaltherrschaft.
Vergessen werden dürfen in diesen Tagen gerade auch diejenigen nicht, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten an der Front oder aber als Zivilisten bei den kriegerischen Auseinandersetzungen und Luftangriffen ihr Leben lassen mussten:
Männer, Frauen und auch Kinder, denen hier, gerade in diesem Sitzungssaal, an dieser Tafel, gedacht wird. Gerade auch deshalb ist es an einem Tag wie heute wichtig, auch ihrer hier, in dieser Stunde, als Mitglieder des Gemeinderates und als anwesende Bürgerinnen und Bürger von heute zu gedenken.
Aus unserem Kirchspiel Blankenrath mit seinen sieben Dörfern Blankenrath, Haserich, Hesweiler, Panzweiler, Reidenhausen, Schauren und Walhausen waren es allein 149 Menschen, die als Soldaten in den Kriegstagen von jetzt auf gleich dem Leben entrissen wurden. Hinzu kamen allein in Blankenrath noch acht weitere Zivilisten, die noch in den letzten Kriegsmonaten, ja sogar noch unmittelbar vor Kriegsende, durch Bombeneinschläge und Beschuss ihr Leben verloren.
In Erinnerung an sie, aber auch in Erinnerung an die Vergangenheit, die uns die vielfältigen Berichte, Erzählungen und Aufzeichnungen der Chronisten damaliger Zeit überliefert haben, stehen wir heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in der Pflicht zur Wahrnehmung unserer Verantwortung als Demokraten, für den Erhalt von Frieden und Freiheit einzutreten, zu der der inzwischen verstorbene Alt-Bundespräsident Richard v. Weizsäcker am Ende seiner vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 08. Mai 1985 alle Deutschen aufforderte, indem er abschließend sagte:
„Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.“
Diese mahnenden Worte haben auch heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren; ja, die in ihnen enthaltene Aufforderung gilt in der aktuellen welt- und innenpolitischen Situation mehr denn je!
Im Gedenken an den 08. Mai 1945, den „Tag der Befreiung“ vor 80 Jahren, sind wir gut beraten, uns daran zu orientieren und unser Handeln danach auszurichten!
Der Text entstammt einer Rede des Ortsbürgermeisters Jochen Hansen zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges am 08. Mai 1945 anlässlich des Gedenkens zum 80. Jahrestag der Befreiung im Rahmen der Sitzung des Gemeinderates am 07. Mai 2025.